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Marinestationen

Für die komplexen Aufgaben eines deutschen Komman-danten im Auslandseinsatz werden entsprechend gebil-dete Offiziere ausgesucht. Sie müssen nicht nur das nau-tische und militärische Handwerk verstehen, sondern auch über politisches und wirtschaftliches Hintergrund-wissen verfügen und solche Zusammenhänge beurtei-len können. Sie müssen schließlich gezielt politisch-wirtschaftliche Erkundungen durchführen, und Be-richte über selbige Auslandserkundungen schreiben, und schließlich müssen sie auf den Auslandsstationen der deutschen Kriegsmarine völlig selbständig handeln können.

Auf Grund fehlender Kommunikationsmöglichkeiten – keine Funkverbindung,  keine Verbindung mit den deutschen Diplomaten vor Ort – hat der Kommandant eines deutschen Kriegsschiffes im Auslandseinsatz große Freiheit in seinen Handlungen und es wird von ihm auch erwartet, daß er aus eigener Initiative handelt. In Friedenszeiten ist ihm aber jede Einmischung in poli-tische Angelegenheiten zum Ausland untersagt, dies ist Aufgabe der diplomatischen Vertreter des Reiches. Nur wo es keine deutsche Vertretung gibt ist der Komman-dant berechtigt politische Entscheidungen zu fällen und Verhandlungen zu führen.

Bei einer Requisition eines Kriegschiffes durch einen diplomatischen Vertreter des Reiches trägt dieser auch die volle Verantwortung für eventuelle Folgen. Es muß dafür Gefahr von Leben und Eigentum von Reichsan-gehörigen vorliegen und ist dies nicht der Fall muß der Schiffskommandant den Fall prüfen und kann die Re-quisition auch ablehnen. Nach der Annahme einer Re-quisition übernimmt der Kommandant die volle Ver-antwortung für das Unternehmen. Solche Aktionen sol-len gründlich vorbereitet sein und nicht soviel versucht werden, denn bei „unkultivierten und halbkultivierten Völkern ist nichts schlimmer, als wenn man unverrich-teter Dinge abziehen muß.“

Bei Konflikten deutscher Handelsschiffe mit den Behör-den eines fremden Staates ist die Angelegenheit einem diplomatischen Vertreter zu übertragen, bei Gewährung von Schutz und Hilfe soll diese aber aus eigener Initia-tive gewährt werden. Zu den Aufgaben gehört auch, da-rauf zu achten, daß kein Schiff widerrechtlich die deut-sche Flagge führt. Es ist ausdrücklich ausgeschlossen, daß Kommandanten oder ihre Offiziere, selbst bei Kom-mandos an Land, politischen Vertretern oder Kolonial-beamten unterstehen, nur bei Operationen mit den kolonialen Schutztruppen werden sie dem militärischen Oberbefehlshaber unterstellt.


Deutsche Kriegsschiffe auf Auslandsfahrt haben über die besuchten Länder auch politische und wirtschaft-liche Berichte zu erstellen. Selbstverständlich sind von deutschen Kriegsschiffen auf Auslandsfahrt auch alle nur möglichen meteorologischen und nautischen Daten zu erfassen.

Für das körperliche Wohlbefinden der Mannschaften auf den deutschen Kriegsschiffen im Ausland gibt es reichlich Beurlaubung und gemeinschaftliche Ausflüge in landschaftlich reizvolle oder historisch bedeutende Gegenden, zu denen aus Kantinen-Ersparnissen unent-geltlich Proviant geliefert wird. Seekadetten werden be-sonders unterstützt, um »in der Fremde Land und Leute kennen zu lernen«. Die zukünftigen Seeoffiziere der deutschen Marine sollen auch eine möglichst weite Auslandsbildung erfahren.

Trotzdem gibt es im Routinedienst an Bord auch man-gelnde Abwechslung und Langeweile.


Für die Mannschaften wie für die Offiziere ist ein Aus-landsaufenthalt ein ganz besonderes Ereignis. Nur we-nige Menschen sehen viel anderes als ihre heimatliche Umgebung und eine Reise ins Ausland ist nur gutbe-tuchten Bürgern möglich oder Wanderburschen und wandernden Musikanten. So bietet fast nur die Handels- und die Kriegsmarine auch einfachen Menschen aus dem Volk die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes. Aber auch bei der Kriegsmarine sind es von allen Be-rufssoldaten und Wehrpflichtigen nur verhältnismäßig wenige, die das Glück einer Auslandsreise haben. Zwi-schen 1902 und 1912 sinkt auch noch der Anteil der ins Ausland beorderten Seeleute in Bezug auf die Gesamt-zahl der Marineangehörigen, sodaß die Zahl der Bewer-ber für die Offizierslaufbahn bei der Kriegsmarine ab-nimmt ohne den Anreiz auf mögliche exotische Erfah-rungen auf den Auslandsstationen der Marine Deutsch-lands. Für die »Hebung des Zudranges zur Seeoffiziers-laufbahn« wird deshalb 1911 die Erhöhung der Auslands-fahrzeiten als Hauptsache in der Marineführung ange-sehen und auch aus diesem Grunde werden mehr Schif-fe auf Auslandsreise geschickt, was gut zusammentrifft mit der gleichzeitigen starken Nachfrage von auslands-deutschen Gemeinden nach dem Besuch eines Kriegs-schiffes und politischen Beweggründen für den ver-mehrten Einsatz deutscher Kriegsschiffe auf den Welt-meeren.


Eine besondere Auslandsstation ist die Ostasiatische Station. Das dort befindliche Ostasiatische Kreuzerge-schwader ist der bei weitem stärkste deutsche Flotten-verband auf Auslandsstation. Der Heimathafen des Kreuzergeschwaders ist Tsingtau in der deutschen Kolo-nie Kiautschou.

Wegen seiner politischen Bedeutung hat sich der Kai-ser, der laut Verfassung auch Oberbefehlshaber der Ma-rine ist, das Geschwader unmittelbar unterstellt. Dieser deutsche Kriegsschiffverband ist auch politisch ein ei-genständiges Gebilde mit einem Admiral als Komman-deur, der eben nur dem Kaiser untersteht. Mit seiner Politik steht der Kaiser aber bisweilen im Gegensatz zum Kanzler, was zu Unstimmigkeiten zwischen den deut-schen Dienststellen in Ostasien führen kann, insbeson-dere zu Unstimmigkeiten zwischen den auch politisch selbständig handelnden Kommandanten der Kriegs-schiffe mit ihrem Admiral als Deckung und den deut-schen Konsuln vor Ort. Solche Unstimmigkeiten zwi-schen den deutschen Dienststellen hinterlassen wohl einen sonderbaren Eindruck bei den einheimischen Funktionsträgern in Asien, die es sowohl mit deutschen Konsuln als auch mit deutschen Kriegsschiffkomman-danten zu tun haben.

Auf den Marinestationen rings um Afrika und Amerika operieren üblicherweise nur alleinfahrende Schiffe, deren Kommandanten an einem guten Einvernehmen mit den zivilen Vertretern den Reiches gelegen ist.