In den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß für das Jahr 1913 wird berichtet: »In Ausführung des vorjährigen deutsch-französischen Kamerun-, bzw. Kongo-Abkommens, ist am 1. Oktober 1912 das von Frankreich durch den Vertrag vom 4. November vorigen Jahres abgetretene Gebiet seiner Kolonie Aequatorial-Afrika in deutsche Verwaltung übergegangen.
Der Vorgang der Übergabe vollzog sich ohne irgend-welche besondere Veranstaltungen und in allergrößter Einfachheit. So weht denn zurzeit am Sanga, am Ubangi, an der Mondabai die schwarzweißrote Flagge an Stelle der blauweißroten und das Land ist deutsch geworden, um es hoffentlich für alle Zeiten zu bleiben, wie wir auch keinen Zweifel hegen, daß seine Entwicklung nicht min-der günstig verlaufen werde, als bisher unter französi-scher Herrschaft. Inzwischen sind die Abteilungen der Grenzberichtigung schon an Ort und Stelle angelangt. Der französische Leiter dieser Expedition, Hauptmann Periquet, hat in Paris einem Berichterstatter mitgeteilt, die Abteilungen Deutschlands und Frankreichs hätten volle Freiheit, zur Erzielung einer genauen vereinfach-ten Abgrenzung an jedem beliebigen Punkte der unge-heuren Grenzlinie erforderlichenfalls gegenseitige Zu-geständnisse zu machen. Man werde die in Französisch-Aequatorial-Afrika, Kamerun und Belgisch-Kongo be-stehenden Stationen benutzen und auch mittels Flug-drachens funkentelegraphische Verbindungen herzu-stellen trachten.«
Für die Übernahme und den Beginn der deutschen Verwaltung werden Kompanien der Schutztruppe von Kamerun in die neuen deutschen Gebiete entsandt und deren Offiziere werden als Beamte gleichzeitig auch mit den Verwaltungsgeschäften betraut. Die Übergabe der ehemals französischen Gebiete erfolgt in mehreren Schritten offiziell ab dem 1. Oktober 1912. Als Emil Zimmermann Ende Mai 1912 mit seiner Erkundungs-expedition in Neukamerun eintrifft, haben die Fran-zosen bereits mit der Räumung begonnen. Im Septem-ber 1912 tritt die 10. Kompanie der Schutztruppe von Jaunde kommend nach Neukamerun über und ab dem 30. September übergeben die Franzosen ihre Stationen an die Deutschen. Ab dem 1. Februar 1913 läuft die Übernahme des Ubangivorsprunges in deutsche Verwal-tung und ab dem 1. April 1913 übernimmt Deutschland die Station Carnot. Frankreich übergibt 295.000 qkm von Französisch-Äquatorialafrika an Kamerun und Deutschland tritt 12.000 qkm von Kamerun an Fran-zösisch-Äquatorialafrika ab. Hatte die Kolonie eine Flä-che von 495.000 qkm so sind es nach der Angliederung von Neukamerun 778.000 qkm. 1914 berichtet aber das Deutsche Kolonial-Lexikon: »Unser Gebiet umfaßt nach neuen Feststellungen des geodätischen Bureaus im KA. [Kolonialamt] rund 795.000 qkm…«
Zur französischen Zeit war Neukamerun von 1400-1500 farbigen Soldaten und Polizisten besetzt, während die deutsche Verwaltung von Kamerun, also nun Alt-Kamerun, bei einer doppelt- bis dreifachen Bevölke-rungszahl im Verhältnis zu Neukamerun nur etwa 2100 Soldaten und Polizisten unterhalten hat. Die Schutz-truppe vom alten Kamerun bestand aus zehn Kompa-nien mit 1450 Soldaten. Infolge des Gebietszuwachses beschließt der Reichstag die Schutztruppe in Kamerun um zwei Kompanien zu vergrößern auf 1725 Mann.
Mit der Übergabe des letzten ehemals französischen Gebietes durch die Franzosen an die deutsche Verwal-tung am 1. Juni 1913 ist die Eingliederung von Neu-kamerun in die Kolonie Kamerun beendet und auch die Neugliederung der Bezirke von Kamerun. Zu den 16 Bezirken und zwei Residenturen der Kolonie kommen nun sieben weitere Bezirke und drei an bestehende Bezirke angegliederte Postenbereiche. Die neuen Be-zirke sind Muni (Sitz des Bezirksamtes in Ukoko), Wolö-Ntem (Ojem), Unter-Sanga (Ikelemba), Mittel-Sanga-Lobaye (Mbaiki), Ober-Sanga-Uham (Carnot), Ober-Logone (Bumo) und Iwindo, der mit Teilen des Alt-bezirks Ebolowa vereinigt wurde (Akoafim). Der Posten-bereich Eta kommt zum Altbezirk Lomie, der Posten-bereich Ngoila kommt zum Altbezirk Jukaduma und der Postenbereich Lere zur Residentur Garua. Verwaltungs-technisch wird im Juni 1913 die Eingliederung von Neukamerun in die Kolonie Kamerun abgeschlossen, doch die genauen Grenzfestlegungen zwischen Kame-run und Französisch-Äquatorialafrika dauern noch an. Schließlich telegraphiert der Gouverneur von Kamerun nach Berlin, daß am 5. September 1913 im Zuge der Neu-Kameruner Grenzexpedition die Arbeiten der Monda-Tschua-Grenzexpedition unter ihrem Führer Haupt-mann Abel beendet sind. Hiermit haben auch die unter sehr schwierigen Verhältnissen ausgeführten Grenzver-messungen ihren Abschluß gefunden.
Es bleibt im Sprachgebrauch die Unterscheidung in Altkamerun als das Kolonialgebiet von Kamerun bis 1911 und Neukamerun als das 1911 neuerworbene Land für die Kolonie Kamerun.
Die erst langsam nach deutschem Standard erschaffe-nen Wege und Straßen markieren noch einen Haupt-unterschied zwischen Alt- und Neukamerun. Der auf Expedition durch den endlosen Urwald befindliche Georg Escherich:
»Wenn ich nicht nach den erhaltenen Auskünften, sowie meinen eigenen Feststellungen, sicher gewesen wäre, daß ich das Gebiet von Altkamerun am 30. Sep-tember [1913] bereits überschritten hatte, so hätten mich die Wahrnehmungen während des Marsches sehr bald davon überzeugt. Auf gut gebauten, breiten Wegen geht unser Marsch dahin. Wir brauchen nicht zu fürch-ten, daß unsere Freude nur eine vorübergehende sein würde wie im Ojembezirk (Ende September: »Immer noch sind wir in dem von den Franzosen abgetretenen, nunmehr deutsch gewordenen Ojem-Bezirke. Die Wege sind mit der Entfernung von der Station [Ojem] wieder herzlich schlecht geworden und unterscheiden sich kaum mehr von den bisher gewohnten Buschpfaden der Eingeborenen. Die deutsche Verwaltung war mit ihren Wegebauten noch nicht so weit gekommen, und die Franzosen hatten vorher so gut wie nichts dafür getan. Sie hatten wohl auf den Stationen einigermaßen für ihre persönliche Bequemlichkeit gesorgt, sonst aber war auf eine auf weite Sicht eingestellten kolonisatorischen Tätigkeit wenig zu merken.«), wo es sich um die ersten Anfänge von Wegebau handelte, sondern das Wegenetz in Altkamerun war in den Hauptverbindungslinien von Station zu Station längst fertig. …
Der Zustand der Verkehrsmittel in Kolonialländern ist mit der beste Maßstab für die Beurteilung, ob die Her-ren im Lande ihrer Aufgabe gewachsen sind oder nicht. So mußte man schon am Zustande der Wege erkennen, wer besser kolonisieren konnte, wir oder die Franzo-sen.«