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Expeditionen

Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß für das Jahr 1914 ist der folgende Expeditionsbericht zusammen-gestellt: Im Auftrag der Deutschen Kolonialgesellschaft unternimmt Professor Franz Thorbecke mit seiner Frau in den Jahren 1911 bis 1913 eine Forschungsreise in das innere Hochland von Kamerun. Die wenig bekannte Landschaft Tikar östlich des Flusses Mbam wird er-forscht. Am 20. Dezember 1911 wird vom Endpunkt der Nordbahn in Nkongsumba mit 150 Trägern ins Innere aufgebrochen. Über Dschong, Bana und Bamum erreicht die Expedition nach einem dreimonatigen Anmarsch das eigentliche Arbeitsgebiet, das Land der Tikar. Vor Ort wird die Expedition von der Regierungsstation in Yoko unterstützt. Kreuz und quer zieht die Expedition – zum Teil getrennt – ein Jahr lang durch das Land. Das Tikarland ist größtenteils ein Hochplateau von 800 bis 900 m Höhe, das von vielen Flüssen durchzogen ist. Hie und da ragen hohe Gebirge unvermittelt wie Inseln aus dem Meer empor. Ein Karte des ganzen Gebietes wird durch magnetische Triangulation und Routenaufnah- men hergestellt. Die Formen der Erdoberfläche werden untersucht, Pflanzen und Tiere gesammelt und reiches ethnographisches Material mit nach Deutschland gebracht. Krankheit und Unglücksfälle bleiben nicht aus. So erhält Frau Thorbecke in der Nähe von Tibati mitten in der Nacht eine Speerwunde am Kopf, die glücklicherweise rasch heilt.

Im Grasland von Tikar weiden Büffel und Antilopen. In den Flußwäldern, den Galeriewäldern, die sich zu bei-den Seiten von Flüssen entlangziehen, kommen häufig Affen vor. Die Tikar, die Bewohner dieses Savannen-landes, sind Ackerbauern. Alle Feldarbeit wird von den Frauen verrichtet. Die Männer bauen die Häuser, gehen auf die Jagd, und im übrigen Faulenzen sie. Sie sind, wie alle Sudanneger, ein großer, schön gebauter Menschen-schlag. Ihre Haltung ist frei, ihr Gang elastisch. Besonders unter den Frauen trifft man oft wahre Schönheiten. Vom Charakter her sind sie heiter und den Weißen freundlich gesinnt. Haben sie es doch den Weißen zu verdanken, daß die mohammedanischen Sklavenjäger aus ihrem Land vertrieben sind.

Dr. Leo Waibel, Teilnehmer der Expedition, schreibt über die Möglichkeiten des Kameruner Innenlandes: Wenn wir Bahnen bauen, dann wird sich auch das Grasland entsprechend seinen Naturverhältnissen ent-wickeln. Der Anbau von Baumwolle, Sisalagaven, viel-leicht auch Weizen und Bergreis, wird sich zweifellos lohnen. Vor allem aber wird die Viehzucht gut gedeihen. Eine weiße Bevölkerung wird sich in dem gesunden Hochlande dauernd niederlassen können. Man darf hierbei natürlich nicht an europäische Kleinsiedler denken; aber kapitalkräftige Leute, die mit Hülfe der Schwarzen ihr Land bestellen, werden in Zukunft in recht großer Zahl im Grasland leben können, etwa wie dies heute in ähnlichen Gebieten Indiens und Brasiliens der Fall ist.