Der Forstbeamte Oskar Metzger, seit 1906 in Togo, beschreibt das Leben und Markttreiben in Lome: In der Regel treffen die Woermann-Dampfer in den frühen Morgenstunden vor der Reede Lomes ein und schiffen ihre Reisenden in den Vormittagsstunden aus. Dem Neuangekommenden wird daher die um diese Zeit geringe Belebtheit der Straßen mit Weißen auffallen. Alle sitzen bei der Arbeit; der Kaufmann sowohl wie der Beamte.
Nur im Eingeborenen-Viertel und auf dem von den Eingeborenen beschickten Markt ist es um diese Zeit anders. Hier herrscht den ganzen Tag regstes Leben und Treiben, vor allem auf dem hübschen, schattigen Markt-platz. So ein Eingeborenen-Markt ist eine einzige Sym-phonie von feilschendem Lärm.
Die Lebhaftigkeit und Ausdauer bei der Abwicklung oft gerade des kleinsten Geschäfts ist dem neuankom-menden Europäer unverständlich und gibt ihm schon beizeiten Einblick in eine der Grundauffassungen des Negers, dem im allgemeinen der Begriff Zeit fehlt. Es ist außerdem erstaunlich, welch ausgeprägter, angebore-ner Geschäftssinn den Eingeborenen von Togo, ganz besonders dem Südtogo bewohnenden Stamm der Ewe-Neger innewohnt. Da wird zum Beispiel eine Kiste, in der die Produkte zum Markt gebracht werden, hingestellt, eine Emailschüssel darauf, und schon ist der Markt-stand aufgebaut. Eine andere, in Lome selbst ansässige Eingeborene, bereits etwas vornehmer wie das Weib aus dem Busch, bringt einen Tisch mit, auf dem sie ihre Ware möglichst aufreizend zur Schau stellt. Wieder andere legen eine Bastmatte auf den Boden und breiten ihre Habe aus.
Ein kleines Mädchen, erwerbstüchtig, verkauft Würfel-zucker, stückweise. Da sieht man kleine Bündel Feuer-holz, dürres Astholz, von den Weibern in einer drei bis vier Bündel fassenden Last auf dem Kopf oft stunden-weit zu Markt gebracht. Ein nicht allzu großes Bündel reicht knapp zur Bereitung einer Mittagsmahlzeit für den Weißen. Brennholz ist in der Stadt rar.
Die verschiedensten Lebensmittel wie Maisbrot, Jams, Erdnüsse, geröstete Maiskolben, Zuckerrohr, Bananen, Ananas, Orangen, Zitronen, Papaya, Fleischklöße, dazu für die Feinschmecker Palmölsauce oder grüne Fisch-sauce, Zwiebeln, Mehl werden feilgeboten.
Eine Sorte für sich sind die Fischweiber; sie sind leicht auffindbar, so man dem durchdringenden Geruch ihrer Ware nachspürt. Von den Weißen werden die kleinen getrockneten Fische als Stinkefische bezeichnet, die für den Küsten-Neger eine Delikatesse bedeuten und sicht-lich um so lieber gekauft und verspeist werden, je bes-tialischer ihr Geruch ist.
Natürlich fehlt auch nicht der Alkohol! Seine harm-losere Form ist der weißlich-grüne, etwas süßlich schmeckende Palmwein, hergestellt aus dem Saft der Ölpalme. Er wird in schönen, oft bis zu einem halben Meter hohen Kalebassen, die aus einem großen, meist eiförmig gestalteten Flaschenkürbis durch Aushöhlen gefertigt werden, seltener in den schweren, selbstge-formten Tonkrügen von den Weibern aus dem nördlich gelegenen nahen Ölpalmen-Gebiet auf dem Kopf zu Markte getragen.
An sonstigen europäischen Erzeugnissen werden die von den schwarzen Schönheiten jeden Alters als Schmuck so sehr begehrten farbigen Glasperlen, mit möglichst schreienden Farben bedruckte Tücher, Tabak in Blättern und Rollen, Pulver, sogenannte Dänenflinten – das sind Vorderlader mit Steinschloß – , Messer aller Art, Spiegel und verschiedener anderer Tand feilge-halten. Diese Gegenstände werden meist von handels-tüchtigen Küstenbewohnern bei den Faktoreien auf Kredit, von Kapitalkräftigen sogar in bar erstanden und dann am Markt an die Buschleute verkauft; das sind für den eingebildeten Küsten-Neger alle Eingeborenen wenige Kilometer landeinwärts.
Schwarze Polizisten sorgen in diesem bunten, lärmen- den Getriebe für Ordnung.
Appetitlich und würdevoll geht es auf dem Fleischmarkt zu. Diesen beherrschen vorwiegend die mohammeda-nischen Haussa. Da gibt es Hammel-, Ziegen- und Schweinefleisch, sehr selten auch einmal Rindfleisch, da in Südtogo wegen der Tsetse-Fliege keine Rinder-zucht getrieben werden kann. Ein in Lome geschlach-tetes Rind stammt daher zumeist aus Nordtogo, von wo es in einem mehrere hundert Kilometer weiten Marsch herangetrieben wurde. Die »Großabnehmer« auf dem Fleischmarkt sind, wenn sie bei den Weibern aus dem Busch nicht Hühner einkaufen, die Köche der Weißen; sie erstehen hier für ihres Herrn Mahlzeit das Fleisch. Bis sie damit zu Hause sind, ist es meistens um einige Fünfpfennigstücke, je nach der Nachsicht oder Uner-fahrenheit ihrer Herren, teurer geworden. Die Eingebo-renen erstehen an den Fleischständen meistens nur kleine Stücke, die an Holzspießen über dem Feuer ge-röstet und mit sichtlichem Genuß verzehrt werden.
Für die Landbewohner ist die Fahrt zum städtischen Markt, auf den sie ihre Erzeugnisse bringen, auch eine Zerstreuung und Freude. Für die junge, marschtüchtige Generation gehört es gewissermaßen zum guten Ton, in der Landeshauptstadt gewesen zu sein; sie kommt daher aus allen Bezirken, sogar aus den nördlichsten Gebieten, vierhundert bis fünfhundert Kilometer weit, nach Lome. Den Firmen an der Küste ist dadurch zum Teil der Auf-kauf im Lande erspart. Da kommen die Leute aus der Ölpalmenzone angerückt, oft dorfweise, in den Kalebas-sen das Palmöl, die bereitgestellten großen Fässer füllen sich ebenso wie die Säcke mit den Palmkernen. Die Menschen aus den entfernter gelegenen Kautschukge-bieten schleppen dieses Naturprodukt herbei. Wieder andere bringen Lasten voll Mais.
Viele Eingeborene setzen ihre Waren lieber auf dem Markt selbst ab, anstatt bei den Faktoreien. Dem tragen die Firmen Rechnung, indem sie auf dem Marktplatz ihre farbigen Vertreter aufstellen, die mit großem Ge-schick und mit ebenso großer Lebhaftigkeit sich ihrer Aufgabe gewachsen zeigen und dem bei der Konkur-renzfirma angestellten farbigen Bruder die Ware weg-schnappen.
Besonders die Hinterländler, die Leute aus den nörd-lichsten Bezirken und sogar über die Nordgrenze des Schutzgebietes hinaus, aus der Landschaft Gourma, kaufen Salz, Tabak, Pulver, Dänenflinten, Glasperlen, kurz, die verschiedensten Waren europäischen Ur-sprungs, um sie in der Heimat wieder abzusetzen. Häufig begegne ich auf meinen Reisen ins Innere des Landes auf den großen, das ganze Schutzgebiet der Länge nach von Süden nach Norden durchziehende Straßen den Bewohnern des Nordens mit einer schweren Last auf dem Kopfe, Richtung Küste, und – ebenso schwer bepackt – von der Küste heimwärts ziehend. Das schon geübte Auge erkennt die einzelnen Stämme, auch die Fremdlinge von außerhalb des Lan-des, und freut sich über die zunehmende Entwicklung des Handels.
Außer dem Markt in Lome hat Südtogo noch Märkte ähnlicher Gestaltung am Endpunkt der Küstenbahn in Anecho and an den Endstationen der beiden ins Innere führenden Bahnlinien, in Palime und in Atakpame. Ergänzend zu diesen Großmärkten dienen dem Handel und Aufkauf der Landesprodukte die kleineren Dorf-märkte.