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Krankheiten

Über die Krankheiten im feuchtheißen Äquatorialafrika schreibt Albert Schweitzer:

»Zu sehen bekomme ich hauptsächlich: Hautgeschwü-re verschiedener Art, Malaria, Schlafkrankheit, Lepra, Elephantiasis, Herzkrankheiten, Knocheneiterungen und tropische Dysenterie. – Bei der Aufzählung der hauptsächlich zur Behandlung kommenden Leiden sei die Krätze (scabies) nicht vergessen. Sie schafft den Schwarzen sehr viel Not. Ich bekomme Patienten zu sehen, die seit Wochen nicht geschlafen haben, weil sie fortwährend vom Jucken gepeinigt werden. Manche haben sich den ganzen Körper wund gekratzt, so daß zur Krätze noch eiternde Geschwüre hinzutreten. – Geistes-kranke gibt es hier relativ viel weniger als in Europa.«

Über die Tsetse-Fliege schreibt Schweitzer:

»Sie fliegen nur untertags. Mit ihnen verglichen sind die schlimmsten Moskitos harmlose Geschöpfe. Die Tse-Tse ist etwa anderthalbmal so groß wie unsere gewöhn-liche Stubenfliege, der sie äußerlich gleicht, nur daß ihre Flügel nicht parallel zueinander liegen, sondern sich decken, wie zwei Klingen einer Schere. – Der Flug ist lautlos. – Um sich Blut zu verschaffen, sticht die Tse-Tse durch die dicksten Tuche. – Zwei von uns trugen Weiß, der andere Gelb. Die zwei hatten fast keine Tse-Tse auf sich; der andere wurde dauernd belästigt. Am meisten hatten die Schwarzen zu leiden. – Darum sind weiße Kleider der beste Schutz gegen sie.«

Aus seinen Erfahrungen bis zum Frühjahr 1914 kann Schweitzer feststellen, »daß die meisten europäischen Krankheiten hier vertreten sind. Aber Krebs und Blind-darmentzündung habe ich noch nicht gesehen. Sie sollen unter den Negern Äquatorialafrikas nicht anzu-treffen sein.

Die Erkältungen spielen hier eine große Rolle. An den Sonntagen zu Beginn der trockenen Jahreszeit war in der Kirche zu Lambarene ein Geschneuze und Gehuste wie in Europa bei einem Silvestergottesdienst.

Sehr viele Kinder sterben an verschleppter Pleuritis [Rippenfellentzündung].

In der trockenen Jahreszeit sind die Nächte etwas frischer als sonst. Da es den Negern an Decken fehlt, frieren sie in ihren Hütten, so daß sie nicht schlafen können. Dabei ist es nach europäischen Begriffen noch recht warm. Das Thermometer zeigt auch in den kalten Nächten immer achtzehn Grad Celsius. Aber die Feuchtigkeit der Luft läßt die Menschen, die durch das reichliche Schwitzen untertags empfindlich geworden sind, frösteln und frieren. Auch die Weißen leiden fortgesetzt unter Erkältung und Schnupfen.«

Über die von der Tsetsefliege übertragene Schlaf-krankheit schreibt Schweitzer:

»Mit der Zeit, manchmal erst zwei oder drei Jahre nach dem ersten Fiebern, setzt das Schlafen ein. Zuerst ist es gewöhnlich nur ein größeres Schlafbedürfnis. Der Kran-ke nickt ein, wenn er irgendwo ruhig sitzt oder wenn er eben gegessen hat. – Zuletzt wird der Schlaf immer fes-ter und geht endlich in Koma über. Die Kranken liegen dann gefühl- und teilnahmslos da, lassen Wasser und Kot abgehen, ohne es zu merken, und magern immer mehr ab. Vom Liegen werden Rücken und die Seiten von immer weiter um sich greifenden Geschwüren bedeckt. Die Knie sind an den Hals gezogen. Das Bild ist ent-setzlich. Der erlösende Tod läßt oft lange auf sich warten. Zuweilen tritt sogar länger anhaltende Besserung auf. – Ihrem eigentlichen Wesen nach ist die Schlafkrankheit eine chronische, wohl sicher immer zum Tode führende Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns.«


Seitdem die meisten Tropenkrankheiten durch die weltweit führende deutsche Tropenmedizin besiegt sind, ist die Sterberate an solchen Übeln stark gefallen, die Tropenkrankheiten finden aber immer noch ihre Opfer auch unter der weißen Bevölkerung, die ja vor-rangig von der deutschen Tropenmedizin geschützt wird.

Eine andere Ursache für unzeitgemäße Todesfälle bei der weißen Bevölkerung sind Wildunfälle mit Löwen, Leoparden, Büffeln, Nashörnern, Elefanten, Flußpfer-den, Krokodilen, Schlangen und weiteren Vertretern afrikanischer Tierarten. Nicht selten sind diese Todes-fälle zurückzuführen auf Wildtierjagden der Weißen und folglich selbst verschuldet. 

Wie das Erleben des Sterbens für einen Menschen bei der Erbeutung durch ein Wildtier tatsächlich vor sich geht, beschrieb der Afrikareisende David Livingstone. Livingstone wurde einmal von einem Löwen gefaßt und weggeschleppt. Er erlebte die Szene in einem Schock-zustand bei vollem Bewußtsein. Livingstone schrieb:

»Der Löwe knurrte mir scheußlich in die Ohren und schüttelte mich so, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Der Schock erzeugte einen Stupor, ähnlich wie ihn eine Maus empfinden mag, die von einer Katze gefaßt wurde. Er erzeugte eine Art Unempfindlichkeit, in der weder Schmerz noch Schreck gefühlt werden, obgleich ich noch völlig bei Bewußtsein war. – Der Schock wischte alles Furchtempfinden aus und schaltete jedes Ent-setzen aus – selbst im unmittelbaren Anblick des Löwen.«

Seine Gefährten retteten Livingstone dann aus der Gewalt des Löwen.