Als Einleitung für die Beschreibung der Afrika-Kolonien kommt Albert Schweitzer ausgiebig zu Worte. Hier spricht ein erfahrener Afrikakenner aus der Wirklich-keit.
Albert Schweitzer geht 1913 in die französische Kolonie Gabun, deren nördlicher Teil 1911 an die deutsche Kolonie Kamerun abgetreten wurde. Schweitzer geht in die Missionsstation Lambarene am Fluß Ogowe, wo zuerst je eine Faktorei der englischen Firma Hatton & Cookson und der deutschen Firma Carl Woermann bestand. Die beiden Handelshäuser handelten damals in den 1870er Jahren mit Elfenbein, Holz und Gummi und beherrschten den Außenhandel von Gabun. Lambarene war der am weitesten ins Landesinnere vorgeschobene Handelsposten der beiden Firmen. Albert Schweitzer schrieb über die Zustände zu der Zeit in Lambarene:
»In der Hauptsache waren die weißen Händler also ganz auf sich angewiesen… Sie hatten den Häuptlingen regel-mäßige Abgaben zu entrichten. In den ständigen Kriegen zwischen den Stämmen mußten sie versuchen, neutral zu bleiben oder die Partei des voraussichtlichen Siegers zu ergreifen.« – »In den Unruhen, die 1874, nach dem Tode« eines einheimischen Königs in Lambarene »ausbrachen, mußten der Forschungsreisende Marche und Herr Walker, der damalige Agent der Firma Woermann, die Faktorei mit Palisaden umgeben, um sich gegen die Eingeborenen verteidigen zu können.« Die französische Marine konnte »nicht viel mehr tun, als von Zeit zu Zeit, wenn wieder reichliche Klagen wegen Plünderungen von Faktoreien und Warentransporten durch die Eingeborenen eingelaufen waren, kleine Kanonenboote den Fluß hinaufzuschicken, um die betreffenden Dörfer zu beschießen. Und auch dies war nur bei normalem Wasserstande des Flusses, also nur während weniger Monate im Jahr, möglich. In der trockenen Jahreszeit hatten die Eingeborenen in dieser Hinsicht nichts zu befürchten.« Obendrein befanden sich zu dieser Zeit »die Pahuins, auch Fangs genannt, [und in Kamerun Pangwe] ganz wilde Menschenfresser aus dem Inneren, sich in Bewegung auf die Küste zu… Nur das Dazwischentreten der Weißen rettete die ein-gesessene Bevölkerung des Ogowegebietes davor, von den Pahuins aufgerieben zu werden. Aus eigener Kraft hätten sich die eingesessenen Stämme, die trotz der ihnen gemeinsam drohenden Gefahr sich weiter unter-einander bekriegten, nicht gegen sie behaupten kön-nen.
Wenn alteingesessene Eingeborene mir gegenüber ih-ren Unmut kundgeben, von den Weißen beherrscht zu sein, antworte ich ihnen, daß sie ohne die Weißen nicht mehr existieren würden, weil sie entweder sich gegen-seitig erschlagen oder im Kochtopf der Pahuins geendet hätten. Hierauf vermögen sie nichts zu erwidern. Über-haupt: So vieles und so schweres sich die Weißen in der ganzen Welt in der Kolonisation leider zuschulden kommen ließen, so können sie doch dies eine für sich anführen, daß sie den von ihnen unterworfenen Völkern insoweit Frieden gebracht haben, als sie den sinnlosen Kriegen, die fort und fort unter ihnen wüteten, ein Ende machten.«
Schweitzer trifft auf dem Schiff nach Afrika einen französischen Kolonialoffizier und kommt mit ihm ins Gespräch:
»Sein Urteil über den Mohammedanismus, wie er sich unter den Negern ausbreitet, ist nicht günstig. Er sieht in ihm eine große Gefahr für die Zukunft Afrikas. „Der mohammedanische Neger“, sagte er zu mir, „ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie können ihm Eisen-bahnen schaffen, Kanäle graben, Hunderttausende für die Bewässerung der von ihm zu bebauenden Lände-reien ausgeben: nichts macht ihm Eindruck, da er grundsätzlich gegen alles Europäische, mag es noch so vorteilhaft und segensvoll für ihn sein, indifferent ist. Aber lassen sie einen Marabut – einen islamitischen Reiseprediger – auf tänzelndem Pferd, mit grellem Man-tel behangen, ins Dorf kommen, dann wird die Gesell-schaft lebendig. Alle drängen sich an ihn heran und bringen ihm ihr Erspartes, um für schweres Geld Amu-lette gegen Krankheit, Verwundung im Kampfe, Schlan-genbiß, böse Geister und böse Nachbarn zu erstehen. Wo die Negerbevölkerung islamitisch geworden ist, gibt es keinen Fortschritt, weder in kultureller noch in wirt-schaftlicher Hinsicht.“«
Albert Schweitzer schreibt während einer langen Fluß-fahrt Ende Juli/Anfang August 1914 ausführlich über »Soziale Probleme im Urwald«.
Hier einige Auszüge daraus:
»Auf dem Strom, 30. Juli bis 9. August
Ich benütze die lange Fahrt, um mir selber einmal die sozialen Probleme, die ich zu meinem Erstaunen im Urwalde getroffen habe, zu vergegenwärtigen. Wir reden in Europa so viel von Kolonisation und kolonialer Kulturarbeit, ohne uns über den Inhalt dieser Worte klar zu sein.
Aber gibt es wirklich soziale Probleme im Urwald? Man braucht nur zehn Minuten lang die Unterhaltung zweier Weißer hier anzuhören, und schon ist sicher das schwerste dieser Probleme, das Arbeiterproblem, berührt. In Europa stellt man sich gerne vor, daß unter den Wilden für sehr mäßigen Lohn sich so viele Arbeiter anbieten, als gewünscht werden. Das Gegenteil ist der Fall. Arbeiter sind nirgends schwerer zu finden als unter den primitiven Völkern, und werden im Verhältnis zur Arbeitsleistung nirgends so teuer bezahlt wie hier.
Dies kommt von der Faulheit der Neger, sagt man. Aber ist der Neger wirklich so faul? Liegt das Problem nicht tiefer?
Wer einmal die Leute eines Negerdorfes gesehen hat, wenn sie ein Stück Urwald roden, um eine neue Pflanzung anzulegen, der weiß, daß sie imstande sind, wochenlang mit Eifer und unter Anspannung aller Kräfte zu arbeiten. Zu dieser härtesten aller Arbeiten – um dies nebenbei zu sagen – ist jedes Dorf alle drei Jahre genötigt. Die hohen Stauden, an denen die Bananen wachsen, verbrauchen den Boden außerordentlich schnell. Darum muß alle drei Jahre eine neue, durch die Asche des abgehauenen und verbrannten Urwaldes gedüngte Pflanzung angelegt werden.
Was mich angeht, so wage ich nicht mehr, unbefangen von der Faulheit der Neger zu reden, seitdem mir fünfzehn Schwarze in fast ununterbrochenen, sechs-unddreißigstündigem Rudern einen schwerkranken Weißen den Strom heraufbrachten.
Der Neger arbeitet unter Umständen also sehr gut… aber er arbeitet nur so viel, als die Umstände von ihm verlangen. Das Naturkind, und dies ist des Rätsels Lösung, ist immer nur Gelegenheitsarbeiter.
Bei geringer Arbeit liefert die Natur dem Eingeborenen so ziemlich alles, was er zu seinem Unterhalt im Dorfe braucht. Der Wald bietet ihm Holz, Bambus, Raphia und Bast zum Herstellen einer Hütte, die ihn gegen Sonne und Regen schützt. Er braucht nur noch etwas Bananen und Maniok zu pflanzen, zu fischen und auf die Jagd zu gehen, so hat er das Notwendige beisammen, ohne sich als Arbeiter verdingen zu müssen. Tritt er eine Stelle an, so ist es, weil er zu einem bestimmten Zweck Geld braucht. Er will eine Frau kaufen; sein Weib oder seine Weiber haben Lust auf schöne Stoffe, auf Zucker, auf Tabak; er selber braucht eine neue Axt, möchte gern Schnaps trinken, einen Khakianzug und Schuhe tragen.
Es sind also mehr oder weniger Bedürfnisse, die außerhalb des eigentlichen Kampfes ums Dasein liegen, die das Naturkind dazu bringen, sich zur Arbeit zu verdingen. Liegt ein bestimmter Zweck zum Gelderwerb nicht vor, so bleibt es in seinem Dorfe. Steht es irgendwo in Arbeit und hat es soviel verdient, daß es sich leisten kann, wonach ihm das Herz stand, so hat es keine Ursache, sich weiter zu mühen, und kehrt in sein Dorf zurück.
Der Neger ist nicht faul, sondern ein Freier. Darum ist er immer nur ein Gelegenheitsarbeiter, mit dem kein geordneter Betrieb möglich ist. Dies erlebt der Missionar auf der Station und in seinem Hause im kleinen und der Pflanzer oder der Kaufmann im großen. Wenn mein Koch Geld genug beisammen hat, um die Wünsche seiner Frau und seiner Schwiegermutter zu befriedigen, geht er davon, ohne Rücksicht darauf, ob wir ihn notwendig brauchen. Der Plantagenbesitzer wird von seinen Arbeitern gerade in der kritischen Zeit verlassen, wo es gilt, die dem Kakao schädlichen Insekten zu bekämpfen. – Alle werden wir vom Ingrimm gegen die faulen Schwarzen erfüllt. In Wirklichkeit liegt aber nur vor, daß wir sie nicht in der Hand haben, weil sie nicht auf den Verdienst bei uns angewiesen sind.
Es besteht also ein furchtbarer Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Handels und der Tatsache, daß das Naturkind ein Freier ist. Der Reichtum des Landes kann nicht ausgebeutet werden, weil der Neger nur ein geringes Interesse daran hat. Wie ihn zur Arbeit erziehen? Wie ihn zur Arbeit zwingen?
»Schaffen wir ihm möglichst viel Bedürfnisse, so wird er möglichst viel arbeiten«, sagen der Staat und der Handel miteinander. Der Staat gibt ihm unfreiwillige Bedürf-nisse in Gestalt von Steuern. Hier [Französische Kolonie Gabun] zahlt jeder Erwachsene über vierzehn Jahre eine Kopfsteuer von fünf Franken, und man redet davon, dieselbe auf das Doppelte zu erhöhen. – Der Kaufmann schafft dem Neger Bedürfnisse, indem er ihm Waren anbietet; nützliche wie Stoffe, Werkzeuge, unnötige wie Tabak und Toilettenartikel, schädliche wie Alkohol. Die nützlichen Dinge würden niemals hinreichen, eine nennenswerte Arbeitsleistung zu erzielen. Der Tand und der Schnaps tun fast mehr dazu. Man schaue sich an, was im Urwald zum Verkauf angeboten wird. Unlängst ließ ich mir von einem Neger, der an einem welt-verlorenen kleinen See einen kleinen Laden für einen Weißen hält, die Waren zeigen. Hinter dem Ladentisch thronte das schön angestrichene Schnapsfaß. Daneben standen die Kisten mit Tabakblättern und die Kannen mit Petroleum. Weiter waren vorhanden: Messer, Beile, Sägen, Nägel, Schrauben, Nähmaschinen, Bügeleisen, Schnur zum Flechten von Fischnetzen, Teller, Gläser, Emailschüsseln aller Größen, Lampen, Reis, Konserven- büchsen aller Art, Salz, Zucker, Decken, Kleiderstoffe, Stoffe für Moskitonetze… Gilletsche Sicherheits-Rasier-apparate, Kragen und Krawatten in reicher Auswahl, Damenhemden mit Spitzen, Unterröcke mit Spitzen, Korsetts, elegante Schuhe, durchbrochene Strümpfe, Grammophone, Ziehharmonikas und Phantasiewaren aller Art. Unter den letzteren war ein Teller, der auf einem Untersatz stand, in mehreren Dutzend vor-handen. »Was ist das?« fragte ich. Der Neger verschob einen Hebel am Untersatz, und alsbald ließ sich eine kleine Spieldose hören! »Mit diesem Gegenstand mache ich die besten Geschäfte«, sagte er mir. »Alle Frauen in der Umgebung wollen einen solchen Teller haben und plagen ihren Mann, bis er das Geld dazu verdient hat.«
Gewiß können Steuern und gesteigerte Bedürfnisse die Neger mehr zum Arbeiten bringen, als sie es sonst täten, aber eine wirkliche Erziehung zur Arbeit findet dadurch nicht oder nur im geringen Maße statt. Der Neger wird geldgierig und genußsüchtig, aber nicht zuverlässig und gewissenhaft. Wo er in Dienst geht, denkt er nur daran, mit einem Mindestmaß von Arbeit möglichst viel Geld zu holen. Er leistet nur etwas, solange der Arbeitgeber dabei steht.
Letzthin hatte ich Tagelöhner, um eine neue Hütte beim Spital zu bauen. Kam ich am Abend, so war nichts geschafft. Als ich mich am dritten oder vierten Tag erzürnte, sagte mir einer der Schwarzen, der nicht einmal einer der Schlechtesten war: »Doktor, schrei nicht so mit uns. Du bist ja selber schuld daran. Bleib bei uns, dann schaffen wir. Aber wenn du im Spital bei den Kranken bist, sind wir allein und tun nichts.«
Mit der Steigerung der Bedürfnisse ist etwas, aber nicht viel erreicht. Ständiger Arbeiter wird das Naturkind nur in dem Maße, als es aus einem Freien zu einem Unfreien wird. Dies kann von verschiedenen Seiten versucht werden. Zunächst kommt es darauf an, dem Neger für einige Zeit die Rückkehr ins Dorf abzuschneiden. Die Pflanzer und die Waldbesitzer dingen grundsätzlich keine Arbeiter aus der Umgegend, sondern werben von weither, aus fremden Stämmen junge Leute an und bringen sie zu Wasser hierher. Diese Verträge sind von der Regierung ausgearbeitet und, wie vieles in der hiesigen Kolonialverwaltung, zweckmäßig und human gedacht. Am Ende der Woche soll der Arbeiter immer nur die Hälfte des Lohnes ausgezahlt bekommen. Der Rest wird zurückgelegt und ihm ausgehändigt, wenn das Jahr herum ist und der Weiße ihn wieder heim-befördern muß. Damit soll vermieden werden, daß er das Verdiente so schnell verausgabt, als er es erwirbt, und dann mit leeren Händen in die Heimat zurück-kommt. Die meisten dieser Männer verdingen sich, um das Geld zum Kaufe einer Frau zusammenzubekommen.
Und das Resultat? Die Leute müssen das Jahr aushalten, weil sie keine Möglichkeit haben, in ihr Dorf zurück-zukehren. Aber wirklich brauchbare Arbeiter sind wenige von ihnen. Viele leiden an Heimweh. Andere können die ungewohnte Kost – sie müssen, da frische Lebensmittel fehlen, oft mit Reis genährt werden – nicht ertragen. Die meisten von ihnen ergeben sich dem Schnapsgenuß. Geschwüre und Krankheiten verbreiten sich leicht unter den in Hütten kasernierten, eng aufeinanderwohnenden Menschen. Trotz aller Vor-sichtsmaßregeln vertun sie ihren Lohn, sowie der Kontrakt abgelaufen ist, und kommen gewöhnlich so arm nach Hause, als sie gegangen sind.
Das Tragische ist eben, daß die Interessen der Kultur und der Kolonisation sich nicht decken, sondern in vielem in Antagonismus zueinander stehen.
Wie sieht es mit der erzieherische Wirkung des viel diskutierten Arbeitszwanges von seiten der Regierung aus?
Jeder Eingeborene, der nicht ein dauerndes, eigenes Gewerbe ausübt, soll sich, auf Befehl des Staates, so und so viel Tage im Jahr in den Dienst eines Kaufmanns oder Pflanzers stellen müssen. Am Ogowe haben wir keinen Arbeitszwang. Das Prinzip der Kolonialverwaltung von Gabun ist, möglichst ohne solche Maßnahmen auszu-kommen. In Deutschafrika, wo der Arbeitszwang in humaner und zugleich zielbewußter Art gehandhabt wird, soll er nach den einen gute, nach den andern schlechte Resultate geben.
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In Kamerun ist der Urwald durch ein ausgezeichnet unterhaltenes Wegenetz durchzogen, das dem Handel sehr zugute kommt und die Bewunderung aller fremden Kolonisten bildet. Geht diese große Arbeit aber nicht auf Kosten der Bevölkerung und ihrer vitalen Interessen? Daß man dort schon so weit ist, Weiber zur Fronarbeit für die Unterhaltung der Wege heranzuziehen, gibt mir zu denken.
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Neben dem Arbeiterproblem gibt es noch das Problem der Emanzipation. An sich wäre es nach meiner Mei-nung unnötig, daß Eingeborene aus den primitiven Völ-kern eine weitgehende Schulbildung erhalten. Der An-fang der Kultur ist hier nicht das Wissen, sondern das Handwerk und der Landbau, durch die erst wirtschaft-liche Bedingungen für die höhere Kultur geschaffen werden können. Aber die Regierung und der Handel brauchen auch Eingeborene mit ausgedehnten Kennt-nissen, um sie in der Verwaltung und den Faktoreien zu verwenden. Also müssen die Schulen ihre Ziele viel höher stecken, als normal ist, und Leute heranbilden, die das komplizierte Rechnen verstehen und tadellos in der Sprache der Weißen schreiben können. Bei der hervorragenden Intelligenz mancher Eingeborenen sind die Resultate, was die Kenntnisse angeht, hervorragend. Letzthin kam ein schwarzer Schreiber von der Regie-rung zu mir, während gerade ein Missionar bei mir war. Nach seinem Weggang sagten der Missionar und ich zueinander: »Mit dem möchten wir im Aufsatzschreiben nicht konkurrieren.« Sein Vorgesetzter gibt ihm die schwersten Schriftstücke zum redigieren und kompli-zierte Statistiken auszuarbeiten und erhält immer tadel-lose Arbeiten abgeliefert.
Aber was wird aus diesen Menschen? Sie sind aus dem Dorfe entwurzelt, genau wie die andern, die in die Frem-de in Arbeit gehen. Sie leben auf den Faktoreien, fortge-setzt der für Eingeborene so naheliegenden Gefahr des Betrügens und des Alkoholtrinkens ausgesetzt. Wohl ver-dienen sie viel. Aber da sie alle Lebensmittel um teures Geld kaufen müssen und zudem noch mit der gewöhnlichen Verschwendungssucht der Schwarzen be-haftet sind, so befinden sie sich immer in Geldver-legenheit und oft in Not. Sie gehören nicht mehr zu den gewöhnlichen Negern und doch nicht zu den Weißen, sondern bilden ein Mittelding zwischen beiden. Letzthin sagte der eben erwähnte schwarze Schreiber der Regie-rung zu einer Missionarsfrau: »Ach, wir Intellektuellen unter den Eingeborenen sind doch übel dran. Die Frau-en von hier sind zu ungebildet, um Lebensgefährtinnen für uns abzugeben. Man sollte für uns Frauen aus den vornehmen Ständen von Madagaskar importieren.« [Die einheimische Oberschicht von Madagaskar hatte bereits eine westlich orientierte Kultur als das Land 1895 von Frankreich erobert wurde.] Die Deklassierung nach aufwärts ist das Unglück vieler von den besten der Eingeborenen.
Soziale Problem werden auch durch die europäische Einfuhr geschaffen. Früher übten die Neger eine Reihe von Handwerken aus: sie schnitzten gediegene Haus-geräte aus Holz, sie verfertigten vorzügliche Schnüre aus Rindenfasern und was dergleichen mehr ist. Am Meer gewannen sie Salz. Diese und andere primitive Handwerke sind durch die Waren, die der europäische Handel in den Urwald einführt, vernichtet. Der billige Emailtopf hat den gediegenen, selbstverfertigten Holz-eimer verdrängt. Um jedes Negerdorf herum liegen Haufen solchen verrosteten Geschirrs im Gras.
Die soziale Gefahr, die die Einfuhr von Schnaps bedeu-tet, ermißt man erst, wenn man liest, wieviel Schnaps in manchen Hafenorten Afrikas im Jahre auf den Kopf der Bevölkerung kommt, und wenn man in den Dörfern gesehen hat, wie die kleinen Kinder sich mit den Alten betrinken. Hier am Ogowe sind Beamte, Kaufleute, Missionare und Häuptlinge darüber einig, daß die Schnapseinfuhr verboten werden sollte. Warum wird sie aber nicht verboten? Weil der Schnaps ein guter Zollartikel ist. Was er jährlich an Eingangszoll einbringt, ist eine der größten Einnahmen der Kolonie. Fiele sie weg, so wäre Defizit im Budget. Bekanntlich sind die Finanzen der afrikanischen Kolonien aller Staaten nichts weniger als glänzend. Der Zoll auf Schnaps hat zudem noch die gute Eigenschaft, daß man ihn jedes Jahr erhöhen kann, ohne das darum ein Liter weniger getrunken wird. Die Sache steht also hier wie in den anderen Kolonien so, daß die Verwaltung sagt: »Den Schnaps abschaffen? Sehr gerne. Lieber heute wie morgen. Nur gebt mir zuerst an, mit was ich den damit entstehenden Ausfall im Budget decken soll?« In dieser Hinsicht aber können ihr auch die größten Alkohol-gegner keinen brauchbaren Vorschlag machen. Wann wird ein Ausweg aus diesem sinnlosen Dilemma gefunden werden?
Eine schwere soziale Frage bildet die Polygamie. Wir kommen hierher mit dem Ideal der Monogamie. Die Missionare kämpfen mit allen Mitteln gegen die Poly-gamie und verlangen mancherorts von der Regierung, daß sie sie durch Gesetze verbiete. Andererseits müssen wir uns alle hier eingestehen, daß sie auf das innigste mit den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Zu-ständen zusammenhängt. Wo die Menschen in Bambus-hütten hausen und die Gesellschaft noch nicht so orga-nisiert ist, daß eine Frau ihr Leben durch selbständige Arbeit verdienen kann, ist für die unverheiratete Frau kein Platz. Vorraussetzung aber für die Verheiratung aller Frauen ist die Polygamie.
Weiter: im Urwald gibt es keine Kühe und keine Milchziegen. Also muß die Mutter ihr Kind lange an der Brust nähren, wenn es nicht zugrunde gehen soll. Die Polygamie wahrt das Recht des Kindes. Nach der Geburt hat die Frau das Recht und die Pflicht, drei Jahre lang nur ihrem Kinde zu leben. Oft verbringt sie diese Zeit zum großen Teil bei ihren Eltern. Nach drei Jahren findet das Fest der Entwöhnung statt, und sie kehrt wieder als Gattin in die Hütte ihres Mannes zurück. Dieses Leben für das Kind ist aber nur denkbar, wenn der Mann unterdessen eine andere oder andere Frauen hatte, um den Haushalt und die Pflanzungen zu versorgen.
Noch eins. Es gibt bei den Naturvölkern keine unver-sorgten Witwen und keine verlassenen Waisen. Der nächste Verwandte erbt die Frau des Verstorbenen und muß sie und ihre Kinder erhalten. Sie tritt in die Rechte seiner Frau ein, wenn sie auch nachher mit seiner Genehmigung einen anderen heiraten kann.
Bei den primitiven Völkern an der Polygamie rütteln heißt also, den ganzen sozialen Aufbau ihrer Gesell-schaft ins Wanken bringen. Dürfen wir dies, ohne zugleich imstande zu sein, eine neue, in die Verhältnisse passende soziale Ordnung zu schaffen?
…
Ein Wort zum Schluß über die Beziehungen von Weiß und Farbig. In welcher Art mit dem Farbigen verkehren? Soll ich ihn gleich, soll ich ihn als unter mir stehend behandeln?
Ich soll ihm zeigen, daß ich die Menschenwürde in jedem Menschen achte. Diese Gesinnung soll er an mir spüren. Aber die Hauptsache ist, daß die Brüderlichkeit geistig vorhanden ist. Wieviel sich davon in den For-meln des täglichen Verkehrs auszudrücken hat, ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Der Neger ist ein Kind. Ohne Autorität ist bei einem Kinde nichts auszurichten. Also muß ich die Verkehrsformel so aufstellen, daß darin meine natürliche Autorität zum Ausdruck kommt. Dem Neger gegenüber habe ich dafür das Wort geprägt: »Ich bin dein Bruder; aber dein älterer Bruder.«
Freundlichkeit mit Autorität zu paaren, ist das große Geheimnis des richtigen Verkehrs mit den Eingebo-renen. Einer der Missionare, Herr Robert, schied vor einigen Jahren aus dem Verbande der Mission aus, um unter Negern ganz als Bruder zu leben. Er baute sich ein kleines Haus bei einem Negerdorfe zwischen Lamba-rene und N’Gômô und wollte als zum Dorf gehörig betrachtet sein. Von jenem Tage an war sein Leben ein Martyrium. Mit der Aufgabe der Distanz zwischen Weiß und Farbig hatte er den Einfluß verloren. Sein Wort galt nicht mehr als »Wort des Weißen«, sondern er mußte mit den Negern über alles lange diskutieren, als wäre er ihresgleichen.
Wenn mir Missionare und Kaufleute, ehe ich nach Afrika kam, davon sprachen, daß man hier sehr auf die äußerliche Aufrechterhaltung der Autoritätsstellung des Weißen bedacht sein müsse, kam mir dies kalt und unnatürlich vor, wie jedem, der in Europa davon hört und liest. Hier aber habe ich eingesehen, daß die größte Herzlichkeit sich mit dieser Wertlegung auf Formen verbinden könne, ja mit ihr erst möglich wird.
…
Ich rede nicht davon, daß in die Kolonien aller Völker viele untaugliche und auch nicht wenige unwürdige Menschen hinausgehen, sondern komme auf die Tat-sache zu sprechen, daß auch die sittlich Tüchtigen und die Idealisten Mühe haben, hier das zu sein, was sie sein wollen. Wir alle verbrauchen uns hier in dem furcht-baren Konflikte zwischen dem europäischen Arbeits-menschen, der Verantwortungen trägt und nie Zeit hat, und dem Naturkinde, das Verantwortlichkeit nicht kennt und immer Zeit hat. Der Regierungsbeamte soll am Ende des Jahres mit den Eingeborenen so und so viel Leistung an Bau und Unterhaltung von Wegen, an Trä-ger- und Ruderdiensten und an abgelieferten Steuern erzielt haben. Der Kaufmann und der Pflanzer müssen der Gesellschaft so und so viel Gewinn für das in den Unternehmen steckende Kapital herauswirtschaften. Dabei haben sie es immer und immer mit Menschen zu tun, die an der auf ihnen lastenden Verantwortung nicht teilnehmen, sondern nur gerade so viel leisten, als der andere aus ihnen herauszuholen vermag, und beim ge-ringsten Nachlassen seiner Aufmerksamkeit nach ihrer Laune handeln, ohne Rücksicht auf den Schaden, der ihm erwachsen kann. In diesem täglichen, stündlichen Konflikt mit dem Naturkind läuft jeder Weiße Gefahr, nach und nach geistig zugrunde zu gehen.
An einem neuangekommenen Holzhändler hier hatten meine Frau und ich große Freude, weil er in den Ge-sprächen, die wir führten, immer für die Humanität den Eingeborenen gegenüber eintrat und nicht die geringste Mißhandlung seiner Arbeiter durch die Aufseher dul-dete. [Es folgt die Beschreibung eines schweren wirt-schaftlichen Rückschlages des Holzhändlers, hervorge-rufen durch schwerste Versäumnisse seiner schwarzen Aufseher und Arbeiter, denen er vertraut hatte.] Man war leichtsinnig gewesen, weil man ihn [den Holzhänd-ler] nicht genug gefürchtet hatte. Diese Erfahrung hat ihn ganz verändert. Jetzt spottet er über die, die meinen, man könne mit den Eingeborenen ohne unnachsich-tige Härte etwas erreichen.
Je größer die Verantwortungen, die auf einem Weißen lasten, desto größer die Gefahr, daß er den Eingebore-nen gegenüber hart wird. Wir von der Mission sind zu leicht geneigt, den anderen Weißen gegenüber in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Weil wir am Ende des Jahres nicht die und die materiellen Resultate mit den Eingeborenen erreicht haben müssen, wie Beamte und Kaufleute, ist der Kampf, in dem der Mensch sich ver-braucht, für uns weniger schwer als für sie. Ich wage nicht mehr zu richten, seitdem ich die Psyche des Weißen, der hier materiell etwas ausrichten muß, an solchen, die bei mir krank lagen, kennenlernte und mir ein Ahnen davon aufging, daß Männer, die jetzt lieblos über den Eingeborenen reden, einst als Idealisten nach Afrika kamen und in den alltäglichen Konflikten dann müde und mutlos wurden und das, was sie geistig be-saßen, Stück für Stück verloren.«
Soweit diese gekürzte, erstklassige Darstellung Albert Schweitzers von 1914 über die sozialen Verhältnisse der einheimischen Bevölkerungen in den europäischen und somit auch den deutschen Kolonien Äquatorial-afrikas.