Der Zeitraum von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg ist für diese Betrachtung des deutschen Kolo-nialreiches gewählt, weil einerseits zur Jahrhundertwen-de die tatsächliche Herrschaft durch die deutsche Ver-waltung in den riesigen Kolonien weitgehend durchge-setzt ist, nicht zuletzt durch Kriegszüge gegen einhei-mische Herrscher, die sich der deutschen Herrschaft widersetzten; nicht anders ist es in den Überseegebieten der anderen Kolonialmächte, die ebenfalls ihren Herr-schaftsanspruch mit militärischen Mitteln durchsetzen. Andererseits setzt zur Jahrhundertwende die moderne Nutzung der Kolonien ein mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Kolonien durch das von Wirtschaft und Wissenschaft 1896 gegründete Kolonialwirtschaftliche Komitee. Die Erschließung der Kolonien wird nun auch von der bisher wenig interessierten deutschen Wirt-schaft und der Regierung in Berlin selbst vorange-trieben. Im Jahr 1900 wird Oscar Stübel Direktor der Kolonialabteilung und beginnt mit Reformansätze in den Schutzgebieten, nachdem bereits einer seiner Vor-gänger, Paul Kayser, Direktor der Kolonialabteilung von 1890 bis 1896, einige wichtige Reformen in den Kolonien durchgesetzt hatte, unter anderem auch den Bau von modernen Krankenhäusern in den Kolonien.
Das wichtigste Ereignis in der Phase des gezielten Aufbaus der Kolonien sind schließlich die Kolonial-kriege 1904/05 in Deutsch Südwestafrika und Deutsch Ostafrika, den beiden größten deutschen Kolonien. Eben auch die Fehler in der Kolonialpolitik, durch die diese Kriege mit ausgelöst wurden, sind für die Neuorien-tierung in der deutschen Kolonialpolitik seit 1904 sehr bedeutsam. Mit der 1905 geplanten Errichtung eines Kolonialministeriums, und einer neuen Wirtschafts-politik in den Kolonien fängt, eine neue Zeit für das deutsche Kolonialreich an. Mit der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands, die nun auch eingesetzt wird für größere staatliche Investitionen in die Infrastruktur der Kolonien, beginnt endgültig die Blütezeit der Kolonien.
Mit der Übergabe der Kolonialabteilung im September 1906 an Bernhard Dernburg, keinem Bürokraten oder Militär, sondern einem Fachmann aus der Wirtschaft, und der Aufwertung seiner Abteilung zum Ministerium im Mai 1907, ist eine bedeutende Wende der gesamten deutschen Kolonialpolitik eingetreten, die zu einer schnellen Aufwärtsentwicklung der Kolonien führt. Diese Aufwärtsentwicklung hält bis zum August 1914 an als durch den englisch-französisch-russischen Angriffs-krieg auf Deutschland die große Zeit der Kolonialära durch den Weltkrieg für alle großen Kolonialmächte zu Ende geht.
Im Jahre 1900 gibt es acht deutsche Kolonien, davon vier in Afrika, eine Kolonie in Asien und drei im Pazifik. 1906 verringert sich diese Zahl auf sieben, weil die Marshall-Inseln der Kolonie Deutsch Neuguinea zugeschlagen werden. Die Beschreibung der Verhältnisse in den ein-zelnen Kolonien geht den Weg von der von Deutschland aus gesehen nächstgelegenen deutschen Kolonie – Togo an der westafrikanischen Küste – , weiter nach Kamerun und Südwestafrika und wechselt dann zum Indischen Ozean mit Deutsch Ostafrika, geht weiter zum asiati-schen Festland mit der Kolonie Kiautschou an der chinesischen Küste und zieht schließlich in den Pazifik mit zunächst der Kolonie Deutsch Neuguinea mit den Besitzungen Kaiser-Wilhelms-Land auf der großen Insel Neuguinea und der nach Osten vorgelagerten Inselwelt des Bismarck-Archipels, beleuchtet dann den riesigen Seeraum der deutschen Südseeinseln, deren Osten die Kolonie der Marshall-Inseln bildet, und endet mit der am weitesten im Stillen Ozean liegenden deutschen Inselwelt, der Kolonie Samoa.